Cars and Crimes
Kriminalfälle bei denen Autos eine bedeutende Rolle spielen
12 teilige Reihe
Folge 1/12
Rosemarie Nitribitt und ihr Mercedes 190 SL
Rosemarie Nitribitt (1933–1957) war eine deutsche Edelkurtisane, deren ungeklärter Mord in Frankfurt am Main zu einem der spektakulärsten Skandale der Nachkriegszeit wurde und die Schattenseiten des deutschen Wirtschaftswunders offenlegte.
Nitribitt wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und zog in den 1950er-Jahren nach Frankfurt. Dort baute sie ein Netzwerk prominenter Kunden aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf.
Ihr Markenzeichen war ein schwarzer Mercedes-Benz 190 SL mit roten Ledersitzen.

Am 1. November 1957 wurde sie erdrosselt und mit Platzwunden am Kopf in ihrer Luxuswohnung aufgefunden. Der Todeszeitpunkt wurde auf den 29. Oktober geschätzt.
Die Ermittlungen waren von massiven Ermittlungsfehlern geprägt (u. a. fehlerhafte Bestimmung der Leichentemperatur). Da ihr Adressbuch Kontakte zur Oberschicht enthielt, kamen rasch Vertuschungsvorwürfe und Gerüchte über die Verstrickung einflussreicher Persönlichkeiten auf.
Der mit ihr befreundete Kaufmann Heinz Pohlmann stand wegen Verdachts auf Raubmord vor Gericht, wurde jedoch 1960 aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Der Mordfall ist bis heute offiziell ungelöst.
Der Kreis der Verdächtigen war geteilt: Auf der einen Seite stand ein mittelloser Bekannter, auf der anderen Seite die gesellschaftliche Elite Westdeutschlands, deren Namen im Adressbuch der Ermordeten auftauchten.
Heinz Christian Pohlmann (Der Hauptangeklagte):
Ein vorbestrafter, chronisch verschuldeter Handelsvertreter und Bekannter Nitribitts. Er besuchte sie nachweislich am mutmaßlichen Tatwert (29. Oktober 1957). Da er kurz nach der Tat plötzlich seine Schulden begleichen konnte und aus Nitribitts Wohnung Bargeld fehlte, geriet er ins Visier.
Ergebnis: 1960 stand er vor Gericht, wurde jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Ermittlungsfehler bezüglich des genauen Todeszeitpunkts machten es unmöglich, sein Alibi rechtssicher zu widerlegen.
Harald von Bohlen und Halbach (Krupp-Erbe):
Ein Sprössling der Industriellenfamilie Krupp, der eine enge Beziehung zu Nitribitt pflegte und ihr Liebesbriefe schrieb. Seine Anwesenheit in Frankfurt um den Tatzeitpunkt und Fundstücke aus dem Krupp-Umfeld in ihrer Wohnung machten ihn verdächtig. Seine Familie hielt ihn jedoch bedeckt und organisierte ihm Zeugen zur Bestätigung seines Alibis.
Weitere Prominente aus Wirtschaft und Gesellschaft:
In ihrem Notizbuch standen Kontakte zu Großindustriellen wie den Sachs-Brüdern (Gunter und Ernst Wilhelm) oder Harald Quandt sowie prominenten Politikern. Viele wurden von der Polizei nur diskret befragt.
Dies nährte den bis heute anhaltenden Verdacht einer gezielten Vertuschung zum Schutz der Oberschicht ("Die Mächtigen decken den Mörder").

Der Mercedes-Benz 190 SL war weit mehr als nur ein Transportmittel für Rosemarie Nitribitt – er war ihr wichtigstes Marketingwerkzeug, Statussymbol und das visuelle Zentrum ihres öffentlichen Auftritts.
Technische Daten & Optik
Modell: Mercedes-Benz 190 SL (Baureihe W 121 B II), ein zweitüriger Roadster.
Farbkombination: Lackierung in Tiefschwarz mit auffälliger roter Lederausstattung – eine extrem begehrte und aufsehenerregende Farbkombination der 1950er-Jahre.
Leistung: 1,9-Liter-Vierzylinder-Benzinmotor mit 105 PS (77 kW), Höchstgeschwindigkeit ca. 170 km/h.
Preis: Der Neupreis lag damals bei rund 16.500 Deutsche Mark – zu einer Zeit, als das durchschnittliche Monatsgehalt eines Arbeiters bei etwa 400 DM lag.

Fahrende Visitenkarte: Nitribitt nutzte den Wagen gezielt zur Kundenaquise. Sie fuhr langsam über die Frankfurter Prachtstraßen (wie die Kaiserstraße oder den Ring) und hielt vor Luxushotels wie dem Frankfurter Hof.
Sichtbarkeit: Die Kombination aus dem eleganten Sportwagen, ihrem blonden Haar, ihrem Pudel auf dem Beifahrersitz und oft auffälliger Kleidung (wie einem Pechzobel- oder Nerzmantel) sorgte für maximale Aufmerksamkeit.
